Vielleicht fragt Ihr Euch, warum so viele Menschen ein Dankbarkeitstagebuch schreiben und warum eine so einfache Gewohnheit das Leben spürbar verändern kann. Für mich liegt die Antwort nicht in einer perfekten Morgenroutine oder einer langen Liste guter Vorsätze, sondern in etwas viel Leiserem: der Fähigkeit, das Gute zu bewahren, bevor der Alltag es wieder davonträgt.
Vielleicht trägt jeder Mensch eine kleine Schatzkiste in sich. Doch während die meisten Menschen glauben, sie sei leer, glaube ich, daß sie nur vergessen haben, sie zu benutzen. Sie ist weder aus Holz oder Gold, noch hat sie ein schweres Schloß. Sie bewahrt den Duft von frischem Brot, einen Sonnenstrahl auf der Fensterbank, das glucksende Lachen eines Kindes und all die anderen kleinen Dinge, die unser Leben still zusammenhalten.

Weil sie so unscheinbar wirken, gehen sie im Lärm des Alltags so leicht verloren. Unser Blick wandert fast von selbst dorthin, wo etwas fehlt. Zu dem Gespräch, das nicht gut gelaufen ist oder einem (noch) unerfüllten Wunsch.
Das ist keine Schwäche. Es ist ein uraltes Programm, das uns einst das Überleben gesichert hat. Wer den Schatten des Säbelzahntigers bemerkte, hatte bessere Chancen als derjenige, der verträumt die Schönheit der Blätter betrachtete.
Doch heute hält uns dieses Programm oft davon ab, das Leben wahrzunehmen, das längst da ist.
Vielleicht ist Dankbarkeitstagebuch schreiben deshalb weniger eine Pflichtübung als eine Erinnerung daran,
daß zwischen allen großen Gedanken unzählige kleine Geschenke auf uns warten.
Ich glaube nicht, daß Dankbarkeit den Schmerz verschwinden läßt. Weder nimmt sie der Trauer ihre Tränen noch dem schweren Tag seine Last. Doch sie stellt ihnen einen Sonnenstrahl zur Seite. Manchmal genügt genau dieser kleine Lichtfunke, damit wir den nächsten Schritt wieder sehen und leichter atmen können.

So wirkt Dankbarkeit auch als Medizin.
Nicht wie eine Tablette, sondern indem sie unseren Blick sanft dorthin führt, wo auch unser Leben blüht.
Ein Garten wächst nicht, weil wir jeden Tag an seinen Pflanzen ziehen, sondern weil wir ihn besuchen, Veränderungen wahrnehmen und den ersten Trieb entdecken, lange bevor eine Blüte zu sehen ist.
Mit unseren Gedanken ist es ähnlich. Wer jeden Abend einen kleinen Dankbarkeitsmoment festhält, sammelt keine Sätze. Er sammelt Samen für seinen inneren Garten. Manche gehen sofort auf, andere brauchen Regen oder warten still auf ihren Frühling.
Und so gedeiht unser eigener Garten der friedfertigen Gedanken

Ich bin ein schreibender Mensch. Vielleicht berührt mich gerade deshalb die Kraft des Aufschreibens so sehr.
Ein flüchtiger Gedanke zieht vorbei. Ein aufgeschriebener Gedanke bleibt. Schöne Momente werden zu wärmenden Erinnerungen. Ein kleiner Lichtfunke wird zu etwas, das wir später wiederfinden können.
Und es gibt noch etwas, das oft unterschätzt wird: Unser Unterbewußtsein behandelt das, was wir mit der Hand aufschreiben, als besonders wichtig. Es gibt den Worten mehr Gewicht und verankert sie tiefer in uns, als besäßen sie mehr Wirklichkeit.
Genau deshalb kann ein selbst aufgeschriebener Dank so viel verändern. Er bleibt nicht nur im Kopf. Er bekommt einen Platz im Inneren, an dem er wieder auftauchen kann – gerade dann, wenn wir ihn brauchen. Aus einem Gedanken wird eine Spur, aus einem Moment wärmende Erinnerung. Ein Lichtfunke, der uns durch Dunkelheiten begleitet.

Als ich meine Dankbarkeitstagebücher gestaltet habe,
wollte ich deshalb kein Journal erschaffen, das Listen abfragt und Tagesereignisse abhakt.
Es sollte ein stiller Ort entstehen, an dem Ihr jeden Tag gute Gedanken pflanzen und behüten könnt. Darum gibt es dort nicht nur die Frage: »Wofür bin ich heute dankbar?« Weiter fragen die Bücher: »Warum berührt mich das?« Denn zwischen diesen beiden Fragen geschieht etwas. Dankbarkeit wird lebendig und bekommt Wurzeln. Und manchmal wächst aus einem einzigen Satz mehr Hoffnung, als wir morgens für möglich gehalten hätten.
Es gibt in meinen Dankbarkeitstagebüchern sowohl Raum für Wünsche als auch für Geschenke, die wir in die Welt geben möchten. Für ein gemaltes Herz, ein „gern geschehen“ oder ein offenes Ohr, eben für alles, was sich nicht messen läßt und doch ein Leben heller macht.
Dankbarkeit ist kein Tauschgeschäft,
das eine Gegenleistung verlangt. Viel mehr ist sie eine Art, dem Leben die Hand zu reichen.
Ich glaube, daß wir nicht dankbarer werden müssen, sondern daß wir achtsamer hinschauen und uns öfter erinnern sollten… an Rotkehlchen auf dem Zaun, den Duft des Regens, die Stimme eines geliebten Menschens, das überraschende Lächeln einer Fremden, ein tröstendes Wort. Eben an all das, was still mit uns durchs Leben geht.
Wenn das die eigentliche Schatzkiste ist, sind meine Dankbarkeitstagebücher der kleine Schlüssel dazu, um wieder wahrzunehmen, was längst da ist.

„Danke“ ist für mich das höchste Gebet.
Jeder aufgeschriebene Dank bewahrt ein kleines Stück Licht, damit wir es an dunklen Tagen wiederfinden. So sammeln wir Lichtfunken für den Weg durch Dunkelheiten statt Fleißpunkte auf irgendwelchen Listen.
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