Es ist ein merkwürdiger Moment.
Ihr steht vor einem Drehständer mit Trauerkarten. Eine Karte nach der anderen wandert durch Eure Hände. Schwarz umrandet. Noch eine. Wieder Schwarz. Dann bleibt Euer Blick an einer Karte hängen.
Sie ist hell. Ein paar Gräser, viel Himmel. Fast nichts darauf. Ihr nehmt sie heraus und sie fühlt sich richtig an. Und im selben Augenblick meldet sich der Gedanke:
Kann ich so eine Karte überhaupt nehmen?
Obwohl genau diese lichte Karte an den Verstorbenen erinnert. An den Vater, der jeden Morgen durch seinen Garten ging. An die Freundin, die immer Kornblumen in einer alten Vase stehen hatte. An die Großmutter, die helle Vorhänge liebte, weil das Sonnenlicht dann durchs ganze Zimmer wanderte.
Ihr lächelt für einen Augenblick. Und erschreckt fast darüber.
Darf eine Trauerkarte so etwas auslösen?

Wir haben gelernt, daß Trauer dunkel aussieht. Schwarze Kleidung, schwarze Kartenränder. Düstere Gedanken – und auf keinen Fall ein Fitzelchen Freude.
Dabei sind Erinnerungen selten schwarz. Sie haben Farben. Sie riechen nach Sommerregen oder nach dem Lieblingskuchen, klingen nach dem einen Lachen. Sie wohnen in einem Garten, auf einer Parkbank oder an einem Küchentisch.
Warum sollte ausgerechnet die letzte Karte all das nicht erzählen dürfen?
Immer mehr Menschen greifen zu modernen Trauerkarten, weil sie Raum lassen. Für den Menschen und das, woran Ihr Euch erinnern möchtet, wenn Ihr seinen Namen lest.
Vielleicht legt Ihr die helle Karte trotzdem wieder zurück, aus Sorge, andere könnten sie falsch verstehen, als ob eine persönlichere Gestaltung zu wenig „ernst“ erscheinen könnte.
Die schwerste Seite einer Trauerkarte ist oft die Innenseite.
Diese Sorge begegnet mir immer wieder. Nicht nur bei der Wahl einer Karte. Noch viel mehr, wenn sie geöffnet auf dem Tisch liegt, Ihr den Stift in der Hand habt… und die Karte so leer bleibt.
Kein Wort fühlt sich richtig an. Die Farbe der Karte spielt gar keine Rolle mehr. Euch fehlen Worte. Worte, die alles sagen und doch nicht bedrängen.
Wie schreibt man einem Menschen, dessen Welt gerade stehengeblieben ist? Wie spricht man von einem Leben, das so viel größer war als ein paar Zeilen? Und wie findet man Worte, die nicht klingen, als wären sie schon tausendmal geschrieben worden?

Genau deshalb ist mein Buch „Trauerworte … wenn Worte fehlen“ entstanden. Es ist Begleitung für diesen stillen Moment am Tisch.
Es ist für Menschen, die nicht einfach irgendeine Trauerkarte verschicken möchten, sondern eine, bei der die Angehörigen spüren: Hier hat jemand an genau diesen Menschen gedacht. Am Ende ist das wichtiger als die Frage, ob eine Trauerkarte schwarz sein muß.
Vielleicht reicht es, wenn sie den Menschen wieder ein kleines Stück sichtbar macht.
* – * – * – * – * – * – * – * – * – * – * – * – * – * – * – * – * – * –
Passende Artikel zum Weiterlesen
Kondolenzworte finden
Trostworte dürfen echt sein
Persönliche Worte finden, die tragen
Eine Trauerkarte schreiben
Neueste Kommentare